Freitag, 11. November 2011

#4 Sucht hat immer etwas mit Sehnsucht zu tun.


Genervt stapfe ich durch die kalte Abendluft von mich hin. Unter der schweren Tasche mit Schulbüchern droht mein Rücken jeden Moment zusammenzubrechen, meine gefrorenen Finger spüre ich schon lange nicht mehr. War ja wieder mal ein super Tag! Ich atme tief ein und drehe die Musik lauter, die meine Stimmung aber ehr noch mehr senkt, sofern das überhaupt noch möglich ist.


Ich fange wieder an nachzudenken, wie immer, wenn ich alleine bin. Nicht gut. Versagerin meldet sich mein Kopf zu Wort, das Ziepen im Bauch fängt wieder an. Ich glaube deswegen bin ich froh, als das Kaufhaus vor mir auftaucht, hell erleuchtet, mit all den Menschen. Ich ziehe mir gerade die Kopfhörer aus den Ohren, schlucke die Tränen herunter, als ich hinter dem Glas der Drehtür das Gesicht erblicke, das ich in diesem Moment wohl am wenigsten erwartet hätte. L. 
Ein winziger Augenblick genügt um die Barrieren der letzten Monate, die ich mühsam zwischen uns aufgebaut habe einfach wieder wegzusprengen. Sofort habe ich dieses so vertraute Gefühl im ganzen Körper, es ist als würde ich schweben. Ich vergesse alles, alle Probleme und bin für diesen Moment einfach nur wahnsinnig glücklich. Oh Gott, er ist in all der Zeit nur noch viel perfekter geworden!
Das alles ist nur in einer winzigen Sekunde geschehen, und so perfekt sieht es nur in meinem Inneren aus. Äußerlich bekomme ich Panik, stopfe mir hektisch die Kopfhörer wieder in die Ohren und laufe mit klopfendem Herzen auf die Drehtür zu. Kurz zögern meine Beine, als ich aus den Augenwinkeln realisiere, dass er auf dem Weg nach außen ist, doch dann quetsche ich mich in das andere Abteil, nach innen, drehe die Musik auf volle Lautstärke und halte den Blick starr auf den Boden gerichtet. Diese paar Momente während sich die Tür dreht ziehen sich endlos dahin, ich bekomme kaum Luft, weiß, dass er nur einen Meter von mir entfernt ist, auf der anderen Seite des Glases. Obwohl ich nichts sehnlicher will als aufzublicken, ihm in die Augen zu sehen, ihn zu umarmen, gehorcht mir mein Körper nicht und ich stürme stattdessen, Menschen anrempelnd ins Innere des Kaufhauses. Erst als ich weit genug weg bin, werde ich langsamer, die Anspannung löst sich und ich kann frei atmen. Ich bin noch ganz zittrig, doch dieses besondere, betörende Gefühl kehrt schnell zurück und nimmt mich vollkommen in seinen Besitz; ich kann mir das Lächeln kaum verkneifen - doch in meinem Hinterkopf lauern schon wieder die Schuldgefühle, das Gefühl, versagt zu haben.

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