Montag, 19. März 2012

#42 Nicht du hinterlässt Spuren auf dem Weg, sondern der Weg auf dir.


Ich merke, wie meine Mama meine Arme anstarrt. Wie sie sich gar nicht davon lösen kann, sich ihre Blicke richtig an jeder einzelnen Narbe festsaugen. Ich kann es ihr nicht übel nehmen, so habe ich mich ihr noch nie gezeigt. Ich versuche ihre Blicke so gut es geht zu ignorieren, doch ihre folgenden Worte, wenn auch erst nach ein paar Minuten und nach offenbar angestrengtem Überlegen, stockend, kann ich nicht ignorieren. 
"Spätzchen, wenn du willst gehen wir zum Hautarzt und lassen sie weglasern, die Narben. Du brauchst nur etwas zu sagen, ok?" Jetzt blickt sie mir in die Augen, erwartungsvoll, sie will dass ich etwas dazu sage. Spätzchen. Das Wort hallt in meinem Kopf. Wie lange sie das wohl nicht mehr zu mir gesagt hat? Seit 5 Jahren? Oder länger? Ich versuche zu realisieren, was sie da gesagt hat und vor allen Dingen, warum sie es gesagt hat. "Jetzt kommt der Sommer und das muss doch echt nicht leicht sein für dich - mit all den Blicken..", redet sie weiter, als sie merkt, dass ich keine Reaktion zeige. Will sie mir wirklich helfen damit? Ist sie dabei wirklich auf mein Wohl aus oder handelt sie wie so oft aus einem anderen Grund, nicht ganz uneigennützig? Schämt sie sich für mich, schämt sie sich vor unseren Verwandten, Bekannten und macht mir nur deshalb dieses Angebot? Meine Gedanken überschlagen sich, ich komme zu keinem klaren Ergebnis. Ich versuche sie anzulächeln. Wahrscheinlich sieht es ehr gequält aus, aber ich gebe mir zumindest Mühe. "Nein Mama, danke, aber es ist schon okey. Ich kann damit umgehen, an die Blicke gewöhnt man sich." Ihr strahlendes Lächeln bröckelt, man kann ihr ihre Enttäuschung ansehen. Soviel zu uneigennützig.
Ein paar Tage später sitze ich in dem mittlerweile so vertrauten weißen Zimmer, auf dem weißen Sofa, unter mir der weiße Teppich und erzähle ich meiner Therapeut von dem Vorschlag meiner Mama, während ich wie gewöhnlich das Zebrabild an der Wand betrachte. "Und, was sagst du zu ihrer Idee?", fragt sie mich, als ich fertig bin. Langsam schüttel ich den Kopf. "Nein, ich werde sie nicht wegmachen lassen.", flüstere ich leise. "Sie gehören einfach zu mir." Sie blickt mir mit ihrem durchschauenden Blick in die Augen. "Sag mir den Grund, Annabell, warum willst du sie behalten?" Über diese Frage muss ich ein wenig nachdenken. "Naja..", fange ich schließlich an. "Ich habe wohl Angst davor, dass es dann so wäre, als wäre nie etwas passiert. Ich kenne noch jeden Grund für jede einzelne Narbe, jede ist mit einer Geschichte verbunden und ich brauche diese Erinnerungen einfach. Ich habe Angst, dass sie dann verschwinden.." Sie nickt nur. "Siehst du, und genau deshalb bist du noch nicht über den Berg."


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