Dienstag, 6. November 2012

#53 Man braucht kein Wasser, um das Gefühl zu haben zu ertrinken.


Genervt ziehe ich eine Schublade nach der anderen in Mamas Arbeitszimmer auf, auf der Suche nach meinen alten Zeugnissen. Flüchtig blättere ich ein paar Ordner durch und will gerade den Entschluss fassen doch zu warten bis sie heimkommt, als mir etwas merkwürdiges auffällt. Ich runzle die Stirn und klappe den lila Ordner vor mir jetzt ganz auf. Zuerst konnte ich nicht einordnen, was ich da aus den Augenwinkeln gesehen hatte, ich wusste nur, dass es mir bekannt vorkommt und nun weiß ich auch warum: Es ist meine Handschrift, Wörter, die ich aufgeschrieben habe, nur, dass sie nun kopiert sind. Mit einem Schlag bin ich voll da, realisiere, was ich da vor mir habe: Kopien von meinen Tagebüchern der vergangenen 3 Jahre. Die Panik packt mich und ich blättere eine Seite nach der anderen um.. 

[..] vielleicht werde ich den nächsten Herbst nicht mehr erleben [..] theoretisch könnte ich dem ganzen hier und jetzt ein Ende setzen. Der Gedanke, dass ich es tun könnte, beruhigt mich. 11. Juni 2011.. wäre doch ein schöner Todestag, oder?

[..] brennende Schnitte, die bald zu hässlichen Narben werden. Hässlich wie ich, hässlich wie meine Vergangenheit..

[..] diese Gedanken, egal wohin ich gehe. Ich kann nicht mal mehr normal über eine Brücke laufen.

Nur langsam begreife ich, dass all das nicht mehr länger nur mir gehört, dass sie bescheid weiß über einfach alles. Es sind nicht nur Texte über meine Selbstmordgedanken und übers Ritzen, nein - und das ist noch viel schlimmer - es sind auch Texte über F., die sie sich kopiert hat. "Sie weiß es, sie weiß alles", hämmert es in meinem Kopf, nur langsam wird mir das Ausmaß der ganzen Katastrophe bewusst. Es dauert nicht lange und die Panik schlägt in Hass um, reinen Hass.

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