Ich weiß nicht, was ich schon groß erwartet hatte. Ja, vielleicht war die Hoffnung da, dass er liebevoll sein würde, Verständnis zeigen würde, dass alles gut werden würde. Weitaus realistischer wäre es gewesen, genau das Gegenteil oder gar nichts zu erwarten. Es wäre wohl auch besser gewesen. Doch leichtsinnig und naiv wie ich bin, tat ich es nicht und bekam den Preis dafür.
Von Anfang an unseres Gesprächs, vom ersten Wort an das er schrieb war sein Standpunkt klar und alle Hoffnung in mir zerschlagen. Ich schrieb ihm, dass es mir jetzt, ein Jahr danach, immer noch nicht besser ginge und ich einfach nicht damit klar käme nicht mal zu wissen, was überhaupt passiert ist. Ich öffnete mich ihm, offenbarte ihm mein Innerstes, wie ich es schon oft getan hatte. Damit gab ich ihm sozusagen das Messer direkt in die Hand und sagte ihm auch noch genau, wohin er zielen sollte. Und er traf besser, als ich es je von ihm erwartet hätte. Denn er reagierte nicht mit Ablehnung oder Wut, was ich denke ich sogar besser verkraftet hätte - ich bin es schließlich gewohnt, nein, er reagierte komplett ahnungslos und unwissend. Er tat so als könne er sich an nichts erinnern, als wäre nie etwas passiert. Ich fing an ihm unseren letzten Abend so gut es mir möglich war zu schildern, um ihm auf die Sprünge zu helfen. Schließlich kam ich zu dem letzten Punkt, an den ich mich erinnern kann. Dass wir uns wieder angezogen haben. Einige Sekunden lang musste ich auf seine Antwort warten, doch als ich sie schließlich las verwandelte sich mein Ärger über seine Schauspielerei in - ja, was war es überhaupt? - Verzweiflung, Hilflosigkeit? "Waas? Angezogen? :o", stand vor meinen Augen geschrieben. In diesem Moment meinte ich zu spüren, wie irgendwas tief in mir drin zerbrach. Auch wenn er immer ein guter Lügner gewesen war und ich selbst in diesem Moment nicht sagen konnte, ob er die Wahrheit sagte oder einfach ein verdammt guter Schauspieler war - es reichte allein schon, dass er mich verleugnete, dass er mich offensichtlich komplett aus seinem Leben verdrängt hatte. Jedes weitere Wort, das wir wechselten, verstärkte dieses Gefühl nur. Ich weiß nicht wie viel Zeit verging, bis ich die Kraft fand dieses sinnlose Gespräch abzubrechen. Schließlich klappte ich langsam den Laptop zu, starrte vor mich hin. Lange hatte ich auf diesen Moment gewartet und ihn zugleich so gefürchtet, doch nun spürte ich tief in mir, wo die Scherben nun begannen mich langsam und schmerzvoll aufzuschlitzen, dass dieser Moment nun gekommen war - unser endgültiger Schlussstrich.
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